PRESSE

TIM ACY

www.kultiversum.de, 22.April.2010
Von Klaus Witzeling

Bitte Lächeln!
«Wer bin ich?» fragt die Tänzerin mitten in ihrem Solo «Tim Acy». «Wer weiß es?» guckt sie keck in den Saal. Und wiederholt die Bewegungsfolge: «Ich mach‘s nochmal besser». Na, klar: Sie ist unverkennbar Antje Pfundtner, die pfiffige, selbstironische, dabei immer ernsthafte, für wundervolle Momente auch tiefsinnige Hamburger Choreografin. Sie nimmt ihre Kunst zwar sehr genau, sich aber nicht so schrecklich ernst. Als tanzende Humoristin ist Pfundtner die überraschende Ausnahme in der zeitgenössischen deutschen Tanzszene: Sie beherrscht nicht nur körperliche Komik, sondern amüsiert auch durch ihren Sprachwitz das von ihr um den Finger gewickelte Publikum. Dass Pfundtner ziemlich genau weiß, wer sie ist, beweist sie im locker hingeworfenen Spiel mit Erinnerungen, den flüchtig montierten Zitaten aus ihren Stücken und ganz offenherzig und selbstironisch beim Fragespiel «Wer bin ich?» im Dialog mit den Zuschauern. Bereitwillig antworten sie im Chor mit «Ja» oder «Nein», widersprechen sich manchmal auch unter vergnügtem Gelächter. Zu ihrer durch den Bühnenraum schwungvoll fegenden «Wer weiß es?»-Motionfolge setzt die Tanz-Entertainerin im Halbdunkel unvermittelt einen beklemmenden Kontrapunkt. Sich vergeblich in einen Pelz einschmiegend, überfällt sie Verzweiflung beim Versuch, sich ohne die zweite wärmende Schutzhaut ihrer selbst zu vergewissern. Pötzlich findet sie sich einem Loop von krampfhaft zuckenden, stummfilmartig fragmentierten Bewegungen ausgesetzt. Einer sie beherrschenden Macht. Beim Ausbruch wie auf dem Boden festgenagelt, treiben die anschwellenden Rhythmen von Sven Kacireks sparsam gesetzten, darum doppelt wirkungsvollen Kompositionen den Körper in sich steigernde Spasmen. Diese packende Metapher für Einsamkeit, existenzielle Angst und Zweifel bricht die Tänzerin mit den vielen Gesichtern sarkastisch durch eine Erinnerung ans unerschütterliche Holländerinnen-Lächeln auf einer Kakaodose. Auch in Hanna Hegenscheidts Choreografie «Lieb sein» ersetzt oft Text die Musik. In ihrem Trio geht es – ähnlich wie in «Tim Acy» um Selbstvergewisserung in der Begegnung mit dem Gegenüber. Macht Pfundtner das Publikum zum Ansprechpartner, sind es bei Hegenscheidt Kommunikationsexperimenten zwei Männer und eine Frau. Die Choreografin untersucht, wie sich die Anwesenheit von Angharad Davies auf das Verhalten von Chris Daftsios und Ingo Tomi auswirkt. Der blonde Große und der kleine Sexprotz plustern sich auf, spielen Theater und rivalisieren miteinander in absurden Sprechakten à la Ionesco. Beide Stücke des Doppeltanzabends in der Kampnagelfabrik kennzeichnen inhaltlich die Momente und mehr oder weniger lustigen Züge von zwanghaftem Verhalten. Formal verbinden sie die Spiellemente mit Sprache und Gegenständen, die vor allem Antje Pfundtner mit skurrilen Effekten einsetzt – wie beim Finale mit dem Hündchen und der überraschenden Deja-Vu-Pointe.


Die Welt, 25. April 2010
Von Irmela Kästner

Antje allein auf der Bühne: Tanzsolo auf Kampnagel
Die Hamburger Choreografin Antje Pfundtner liebt das Paradoxe. Ihr neues Tanzstück, das am 28. April auf Kampnagel uraufgeführt wird, ist ein Solo über die “Unmöglichkeit, ein Solo zu machen”. Der Titel “TIM ACY” ist vieldeutig. Vielleicht ist es der Name eines Alter Ego, in jedem Fall ein Wortspiel mit dem Begriff Intimität. “Ein Aushandeln von Distanz und Nähe”, sagt Pfundtner.
Märchenhaftes mit Biografischem zu verbinden, das Absurde im Alltäglichen aufzuspüren, ist der Motor ihres Schaffens. “eigenSinn”, der Titel des Stücks, das ihr 2003 den künstlerischen Durchbruch bescherte, ist nach wie vor Programm. Mit dieser ersten Produktion, ebenfalls ein Solo, hatte die gebürtige Dortmunderin neue Akzente in Deutschlands Tanzlandschaft gesetzt. Von Hamburg aus tourte die kleine, außergewöhnliche Arbeit mit Unterstützung des Goethe-Instituts um die Welt.
Nun also wieder ein Solo, nach mehreren Gruppenstücken, die über die Jahre auf Kampnagel entstanden sind. “Meine Motivation ist heute eine andere”, sagt Pfundtner. Damals hatte sie sich regelrecht getrieben gefühlt, jetzt brauche sie niemandem mehr etwas zu beweisen. “Freunden und Kollegen rate ich immer zu einem Solo, wenn sie an dem Punkt sind, sich mal wieder künstlerisch selbst verdauen zu müssen.” Das klingt ein bisschen nach Nabelschau, vor der Pfundtner selbst sich jedoch mit einer gehörigen Portion Witz und Selbstironie zu schützen weiß.
Die Frage nach dem “Wer bin ich?”, die sie in ihrem Stück auch zusammen mit dem Publikum erörtern möchte, fand sie in Nietzsches philosophischer Schrift “Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn” inspirierend beantwortet. Ihr Fazit: “Sich nicht so wichtig nehmen. Letztendlich bin ich nicht mehr als ein Teil der Dinge, die sich mit mir auf der Bühne befinden. Daher bin ich auch nicht allein.” Womit wir wieder bei der Unmöglichkeit angelangt wären, ein Solo aufzuführen. Kennzeichnend für die Arbeiten der heute 33-jährigen Choreografin und versierten Tänzerin ist eine gekonnt Sinn verweigernde, nahezu Beckettsche Theatralik.
Wie alltäglich die Gegenstände, die sie als Mitspieler um sich versammeln wird, auch sein mögen, selbstverständlich wird der Umgang mit ihnen sicher nicht. Ernst genommen werden sie in jedem Fall. Wie auch die teils sehr persönlichen Geschichten, die sie aus ihrem echten Leben einstreuen wird: “Man fühlt sich schon der Wahrheitssuche verhaftet.”
Neugier und Lust auf Begegnung treiben sie an und führten 2006 zu der bislang wohl ungewöhnlichsten künstlerischen Kollaboration im Laufe ihrer Karriere. Als erste europäische Choreografin lebte und arbeitete sie fünf Wochen lang zusammen mit dem Künstlerkollektiv Living Dance Studio in Peking. Orientierung, Anpassung, Fremdsein bestimmten die Themen. Angeregt von Antje Pfundtners charmant dickköpfiger Handschrift, entstand das Stück “Outlanders”: Hybride Wesen aus Mensch und fremdartig genutzten Gebrauchsgegenständen brachten darin die Verhältnisse vielstimmig zum Tanzen.
Am Anfang der neuen Arbeit “TIM ACY” stand ebenfalls der kollektive Austausch innerhalb einer Gruppe von insgesamt fünf internationalen Choreografen. Jeder arbeitete an einem Solo. Für die Zukunft steht ihr der Sinn nach Größerem. Ihr Traum ist es, einen zeitgenössischen “Nussknacker” zu inszenieren, mit großem Ensemble, auf großer Bühne.


Die Welt, 30. April 2010
Von Irmela Kästner

Die Frau mit dem falschen Zopf lässt dem Krokodil die Luft raus
Der falsche Zopf muss ab. Wie anmutig er auch die Kontur des langen Rückens seiner Trägerin nachzeichnet, wie schön er auch fliegt, wenn die Tänzerin ihre Kreise dreht. Einen Tanz für das Publikum, hat sie gegeben. Jetzt tanzt sie für sich selbst, wilder, ausgelassener, fügt in die gleitenden Schwünge ein paar ulkige Hüpfer ein. Antje Pfundtner stellte auf Kampnagel ihr neues Stück “TIM ACY” vor.
Sieben Jahre nach dem Welterfolg mit ihrer ersten Soloarbeit “eigenSinn” und etliche Gruppenstücke und internationale Kollaborationen später steht die Hamburger Tänzerin und Choreografin erneut allein auf einer weiten und fast leeren Bühne. Kein Wunder, dass sie erstmal die Erwartungen ihrer Zuschauer ins Visier nimmt, geradeheraus, wie es ihre charmant dickköpfige Art ist. “Wer bin ich?”, fragt sie und widmet sich dem Sortieren einer Ansammlung von Gegenständen auf einem Tisch.
Stift und Papier, ein Sahnesiphon, die Zopfperücke, Dinge, die sich in ihrem Kosmos gegenseitig anziehen und abstoßen, die sie schätzt und schützt. Drei Küsse für die Wasserflasche, die sie polternd zu Boden befördert hat. Ein Stück von Pfundtner erzählt aus dem Leben und entwirft doch eine ganz eigene poetische Welt. “Wer bin ich? Wer weiß es? Ich mach es noch einmal besser.” Die Frage wird zur rituellen Formel, die aus einem Märchen stammen könnte. Spielerisch rührt die Choreografin an die dunklen Seiten. Bekleidet mit einem haarigen Fransenrock, tanzt sie weit ausholend eine klar gezeichnete Choreografie, setzt neue Akzente, wie um sich selbst vor der Ermüdung zu bewahren. Sie ist eine ausgesprochene Präzisionswerkerin. Und sie nimmt sich Zeit. In der Dauer transformiert sie das Geschehen.
Ein grünes Gummikrokodil hat sie zu Anfang aufgepumpt. Geduldig harrt es im Scheinwerferlicht, selbst wenn ihm die Luft ausgeht. Die Aufmerksamkeit, mit der Pfundtner die Dinge behandelt und sie ihrer ureigenen Poetik überlässt, hat diesmal weniger von der für sie typischen Sinn verweigernden, nahezu beckettschen Theatralik, sondern erinnert an die Seelenlandschaften einer Pina Bausch. Leise Melancholie regt sich am Schluss, wenn im stimmungsvollen Licht die Protagonistin per Hebebühne in den Bühnenhimmel auffährt. Meinten wir doch gerade zu begreifen, wer sie ist, entfleucht sie uns wieder. Von dort oben zurück kehrt eine andere. Bleibt die Gewissheit eines wundervollen Tanztheaterabends.


Rheinische Post, 28. Mai 2010
Von Melanie Suchy

Tim Acy – Solotanz mit Haut und Haar im FFT
Antje Pfundtner ist ein Hingucker, und man fragt sich eine Stunde lang, warum. Weil sie mit genau dieser Verwunderung spielt, ist sie gut. Die Tänzerin und Choreographin aus Hamburg hatte 2004 in Düsseldorf bei der Tanzplattform Deutschland derart Erfolg mit ihrem ersten Solo, dass sie seither in der ganzen Welt auftrat und auch größere Produktionen schuf. “EigenSinn”, eine skurrile Kindheitsgeschichte aus Sprache und Bewegung, erinnerte an die Lakonie der Schriftstellerin Amélie Nothomb. Auch das neue, sehenswerte Solo “Tim Acy”, zu Gast im Forum Freies Theater, ist eigen. Im Titel klingt die “intimacy”, Intimität, an. Ihr fehlt aber die Vorsilbe, also was heißt das dann?
Erst zeigt Antje Pfundtner den Zuschauern den Rücken, den ein langer Zopf ziert. Sie tanzt ein paar Schwünge, der Zopf schwingt mit. Dann legt sie ihn weg, wie ein “Das bin ich nicht”. Sie hüpft mit einem idiotischen Röckchen aus Haar herum; legt ihn weg. Mit einer Standluftpumpe pustet sie ein Gummikrokodil auf. Es platzt fast. Einen heliumgefüllten Dackel führt sie an der Leine spazieren, er schwebt ganz unwirklich, dennoch dackelhaft, knapp überm Boden. Als sie ihn vom nach oben gefahrenen Bühnenkran wirft, macht ihm das nichts aus. “Ich dachte immer, dass die Gegenstände Gefühle haben”, erklärt die Performerin einmal. Das wird wohl auch der Schlüssel zu ihrem merkwürdigen Tun sein, denn das Publikum hantiert ja auch mit Empathie und unterstellt dem “Gegenstand” Tänzerin auf der Bühne so allerlei. Gefühl, Verstand, Persönlichkeit, professionelles Können.
Das zeigt sie denn auch, führt Erwartungen an der Leine und lässt sie plötzlich los. “Wer bin ich?” ruft sie hundertmal und tanzt dabei in ihrer weißen Seidenbluse erst verhalten, dann mit immer ausladenderen Bewegungen durch den Raum. “Wer weiß es? Ich mach’s nochmal ein bisschen besser.” Ihr Tanz folgt keinem Stil und hat zwischen elegant leichten Armkurven, schönen Drehungen, aneinander geklemmten Knien und einem ergreifenden Schüttelanfall keine Mitte. Er sagt eben nicht: Das ist Antje. Er sagt gar nichts. Freund Tim Acy lacht sich ins Fäustchen.



english

Klaus Witzeling:
“Who am I”? the dancer asks in the middle of her Solo “Tim Acy”. “Who knows”? As she cheekily faces the room and repeats her movement sequence. “I’ll try a little better”. Of course: This is unmistakably Antje Pfundner, the Hamburg Choreographer: smart, self-deprecating, but ever earnest for wonderful moments also profound. She is accurate in her art but never takes herself too seriously. A dancing humorist, a surprising exception in the German contemporary dance scene. Not only is she well versed in physical comedy but she also amuses her audience, already neatly wrapped around her finger, with her humorous use of language.

Irmela Kästner:
The Hamburg Choreographer loves the paradox. Her new piece which will premiere at Kampnagel on the 28th of April is a solo on the “impossibility of making a solo”. The title “Tim Acy” has many meanings. It might be an Alter Ego’s name, but certainly a wordplay on the word intimacy. “A negotiation of distance and closeness” Pfundner says.
Joining the fairytale with the biographical, discovering the absurd in the every day: this is what drives her creation.
What brands the work of the 33 year old choreographer and well versed dancer is the skillful dramatisation of a near Beckettian denial of meaning. No matter how ordinary the objects that she gathers around herself as co-players might be, the encounter with them is certainly not ordinary. They are definitely to be taken seriously. Just like the stories, some of them very personal, which she scatters “one feels drawn into looking for the truth.”
Seven years after the world wide success of her solo work “eigenSinn” followed by several ensemble pieces and international collaborations the Hamburg Choreographer stands once again on a vast and nearly empty stage. No wonder she starts by taking aim at the audience’s expectations. Right upfront in her charmingly stubborn way. “Who am I?” she asks as she gives herself over to sorting a collection of objects on a table.
Pen, paper, a cream dispenser, a wig, things which attract and repel each other in her cosmos, which she appreciates and saves. Three kisses for the water bottle, that she dropped with a thump. A piece by Antja Pfundner tells us about life but at the same time designs/depicts a poetic world of its own.
“Who am I? Who knows? I’ll do it a little better.” The question turns in to a ritual phrase which you could imagine in a fairy tale. …………. . Dressed in a frayed skirt of hair she shows a far reaching and clearly defined choreography, setting a new dimension. Seemingly saving herself from boredom. (was ist mit Ermüdung gemeint?) She works with precision. And she takes her time. She transforms events through time.
The focus of Pfundner’s treatment of reality leaves us with its very own poetic; less other typical meaning denying Beckettian theatre this time, and more of the soul landscape reminiscent of the works of Pina Bausch. A quiet melancholy pervades at the end of the performance when the protagonist is elevated into a stage sky in a setting of atmospheric light. As we were grasping an idea of who she might be, she escapes again. From up there another woman descends. And we are left with the certainty of a wonderful evening of dance theatre.

Thomas Hag:
With “Tim Acy” Antja Pfundner returned to the solo and just as her debut “eigenSinn” in 2003 “Tim Acy” is a wondrous evening with touching, humorous and sensual dance theatre.



NRZ, 28. Mai 2010
Von Thomas Hag

Frau Antje und die Dinge des Lebens


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“Working with mistakes”
Erin Brannigan interviews German choreographer Antje Pfundtner for “RealTimeArts”

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